Meditation und Wissenschaft: Zwischen Mindfulness und Mindfitness

Meditation und Wissenschaft bedeutete beim gleichlautenden Kongress vor zwei Jahren noch: Hirnforschung beweist, dass Meditation wirkt. Dieses Jahr ergänzten sich wissenschaftlicher Vortrag und Meditation. Ein Fortschritt! Das Ergebnis war reichhaltig und inspirierend, am Ende sogar einen Moment lang emotional. Ein Bericht zur aktuellen Diskussion um Anwendung von Meditation in Gesundheitswesen, Erziehung und Arbeitswelt.  

Bilder von Gehirnen mit einzelnen, leuchtenden Windungen, Diagramme von Gamma-Aktivitäten bei Mönchen, die in einer MRT-Röhre meditieren: Auch dieses Jahr gab es davon auf dem Kongress „Meditation & Wissenschaft“ einiges davon zu sehen. „Neurosience“ boomt, und mit ihr die Vermessung des Gehirns und dessen meditativer Zustände. Seit der Jahrhundetwende erscheinen rund 50 wissenschaftliche Publikationen pro Jahr zu diesem Thema. Sie liefern die Bilder und – für westliche Kulturen: Beweise – für die Jahrtausende alten, positiven Erfahrungen mit Meditationstechniken und Yoga. Die Verbindung aus beidem ist Neuland. Dies zu betreten, ist Sinn und Zweck des hochkarätigen Expertentreffens „Meditation & Wissenschaft“, das die Oberberg Stiftung und die von Paul Kohtes gegründete, gemeinnützige Stiftung für Philosophie, „Identity Foundation“ veranstaltete. Der Kongress fand nach 2010 im vergangenen November zum zweiten Mal im Foyer der Deutschen Bank in Berlin statt.

Die Erkenntnisse aus den sogenannten „bildgebenden Verfahren“ der Hirnforschung sind erdrückend. Sie ermutigen wiederum Mediziner, ihre „achtsamkeitsbasierten“ Therapien anzuwenden – und auch deren Erfolge sprechen eine eindeutige Sprache. Darüber gaben die vorgetragenen Bilder und Diagramme ausgiebig Auskunft. Bei einem Kongress allerdings, bei dem jedem Redner nur eine kurze Redezeit zur Verfügung stand, konnten die einzelnen komplexen Inhalte natürlich nicht vertieft werden. Die Folien wurden also vielmehr durchgeblättert wie Zeugnisse. Es ging um Argumente für neue Wege. Sie schufen ein Gefühl der Gewissheit, dass endlich auch wissenschaftlich darstellbar ist, wovon Meditierende und Yogis schon lange reden. Die Bestätigung kommt von Vortragsrednern, deren wissenschaftlicher Rang über alle Zweifel erhaben ist. Ein Professorentitel war das mindeste, sie stellten sich als Leiter und Direktoren von Kliniken, Forschungsinstitute oder akademischer Projekte vor. Für die strenge Einhaltung sorgten zwei Zen-Lehrer, die jeweils durch die zwei Tage führten: Alexander Poraj würzte die Ankündigung des nächsten Redners mit Denkanstößen in kristallklarer Nüchternheit. Und Zen-Meisterin Anna Gamma sorgte mit kurzen, inspirierenden Meditationen für die regelmäßige Rückbesinnung auf das, worum es eigentlich ging: die Gegenwärtigkeit. Das persönliche Erleben des Augenblicks. Auch wenn die Fakten immer wieder davon ablenkten.

Angeblich beschwerten sich Teilnehmer bei Anna Gamma: Sie meditiere zu viel mit dem Publikum, hier gehe es doch um Wissenschaft! Das gab sie charmant ans Publikum weiter, mit einem „Jetzt erst recht!“. So machten wir, nachdem Fred von Allmen bereits den Tag mit einer schönen Meditation eröffnete, mit Anna Gamma einmal eine Atemmeditation (Meditation auf das „archaische Bewusstsein“, wie sie es nannte), zu anderen Meditation auf Mantren: „Ich bin ein Juwelsee!“ („Meditation auf das mythische Bewusstsein“). Die Mischung aus Vorträgen und Meditation erzeugte eine enorme Fülle, die am Ende auch die Gemüter bewegte. Wir standen im Spagat zwischen Fakten und persönlichen Erleben, zwischen „Dritter Person" (der Wissenschaft) und „erster Person“ (der Meditation). Das Dazwischen ändert etwas. Festgefahrene Denkmuster lösen sich auf. Man muss ja nicht gleich das große Wort „Epochenwechsel“ dafür bemühen.

Einer der Stars der Szene, den Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther, führte uns die Wunder eines menschlichen Gehirns vor Augen; wie es sich ein Leben lang immer wieder neu vernetzen kann, um sich mit neuen Fähigkeiten auf sich verändernde Umstände einzustellen. Vorausgesetzt, es wird nicht durch falsche Glaubenssätze behindert. Zum Beispiel durch die überholte Vorstellung, das Gehirn entwickle sich in einer Leistungskurve, die zu Beginn des Lebens steil ansteigt und dann ein Leben lang dem Tod entgegen sackt. Leider scheitern die Entwicklungspotenziale eines Kindes vielfach bereits an frustrierten Lehrern, lieblos geführten Schulen und festen Strukturen. Denn damit sich ein Gehirn entfaltet, so erklärt es Gerald Hüther auch in zahlreichen Filmen auf Youtube, genügt reine Wiederholung nicht. Es braucht die Wiederholung mit Begeisterung. Be-Geist-erung!, diese Botschaft verstanden alle im Publikum. Hüther selbst verkörpert in der Art, wie er vorträgt, einen begeisterten Menschen. Und wie gut solche Menschen tun!


Hirnforscher Gerald Hüther bei seinem Impulsvortrag in Berlin, 2012. © Meditation & Wissenschaft, (Foto: Philipp von Recklinghausen)

Auch regelmäßige Meditation formt das Gehirn. Es lernt, sich länger zu konzentrieren und leistet eine bessere „Emotionsregulation", wie die Wissenschaftler das nennen. Auf gut deutsch: Man bleibt auch bei Stress eher cool. Außerdem befreit sie das Gehirn aus dem zielfixierten Tunnelblick und bringt es auf alternative Lösungsansätze. Als Dieter Vaitl in seinem abschließenden Geleitwort diese Worte aus dem Impulsvortrag in Erinnerung rief und dabei bewusst machte, wie weit Erziehung, Wissenschaft, Heilkunst und Arbeitskultur heute sein könnten, wurde es einen Moment bewegend. Er griff das Thema des Kongresses auf: „Neue Bewusstseinskultur in einer aus den Fugen geratenen Welt“, schüttelte den Kopf und sagte, er wisse auch nicht mehr, wer einen raushole, wenn die Welt aus den Fugen gerate: Die Wissenschaft oder am Ende doch ein Mensch? Dann verlor er einen Moment lang die Fassung und rang um Tränen. Ein gestandener Mann, Professor, Leiter des Gießener Bender Institute for Neuroimaging (BION). Anna Gamma fing die Situation auf: „Es muss sich wirklich viel verändert haben, wenn ein Wissenschaftler auf der Bühne weint!“ Applaus!

Die Begriffe, in denen man das 21. Jahrhundert zu fassen versucht, wirken noch etwas unhandlich. Denn es geht um die Eroberung neuer geistiger Flächen, „ortlose Räume“, wie Anna Gamma es nennt. Die Wissenschaft hat der „dritten Person“ viel Aufmerksamkeit geschenkt. Sie erkennt nur Phänomene als real an, die mindestens zwei Menschen gleichzeitig wahrnehmen können. Damit bleibt das Hauptgeschehen der Meditation aber außen vor. Es findet im Innern des Meditierenden statt. Dort gibt es nur einen Beobachter: das Ich, die „erste Person“. Mehr erste Person, weniger dritte Person, war eine Einsicht für künftige Forschungen, die auf dem Kongress laut wurde. „Hier stecken wir noch in Kinderschuhen", sagte Matthias Ruff, umtriebiger Leiter des Integralen Forums in Berlin. Auch für die Erforschung der zweiten Person, das Wunder der Beziehung, müssten neue Methoden entwickelt werden. Viele aktuellen Probleme in Partnerschaften, Therapiewesen, Politik und Arbeitswelt benötigen eine neue Beziehungskultur, so der Konsens bei der Abschlussdiskussion mit Fernsehmoderator Gerd Scobel. Der Arzt Götz Mundle brachte dafür den „Ich-Wir-Raum“ in die Debatte, als das, was zwischen Menschen, in Beziehungen zwischen Arzt und Patienten, Lehrer und Schüler geschehe. Wie gesagt, die Begriffe der neuen Bewusstseinskultur sind noch etwas gakelig.

Was von dem Kongress in Erinnerung bleibt, sind inspirierende Redner und Geschichten von begeisterten Menschen. Zum Beispiel die Key Note von Richard Davidson. Der renommierte Harvard-Absolvent, Professor für Psychologie und Psychiatrie, Hirnforscher an der University of Wisconsin-Madison und von Vaitl als „einer der 100 einflussreichsten Intellektuellen Amerikas“ angekündigt, zeigte ebenfalls viele Bilder von Gehirnen, darunter auch die Stelle, wo Mitgefühl entsteht. Seine Forschungen regte der Dalai Lama persönlich an, als Davidson ihn besuchte. Der Dalai Lama fragte ihn: Ihr Gehirnforscher beschäftigt euch immer mit den Ursachen von Angst und Depression. Warum erforscht ihr nicht auch mal die Ursprünge von Liebe und Mitgefühl? Davidson wählte also Mönche aus, die er im MRT-Geräten untersuchte. Sie sollten mindestens 10.000 Stunden Erfahrung mitbringen. „10.000 Stunden ist das Minimum, die ein Mensch braucht, um eine Meisterschaft zu entwickeln", sagte er, das gilt jedenfalls für Musiker, Athleten oder Artisten. (Wenn ich jeden Tag eine Stunde Yoga übe, sind das im Jahr 365 Stunden. Mit einem yogafreien Tag pro Woche gerechnet, sogar nur 313 Tage. Macht rund 32 Jahre! Retreats und längere Klosteraufenthalte kürzen diese Zeit erheblich ab). Richard Davidson arbeitete unter anderem mit dem französischen Mönch und Molekularbiologen Matthieu Ricard, der rund 34.000 Stunden Erfahrung mitbrachte. Und auf dem Foto auch nach über drei Stunden Meditation in der Röhre des Kernspintomographen frisch und happy aussieht. Wie er auf dem Rücken liegend meditierte? „Here, what we have tried to do, for the sake of the experiment, is to generate a state in love and compassion permeate the whole mind, with no other consideration, reasoning or discursive thoughts", so sein wunderbares Zitat. „This is called sometimes 'pure compassion', or 'non-referential compassion' (in sense that it does not focus on particular objects to arouse love or compassion), or 'all-pervading compassion'“. Kann man Meditation schöner auf den Punkt bringen?


Psychologe und Psychiater Richard Davidson vom University of Wisconsin-Madison, USA. © Meditation & Wissenschaft,
(Foto:
Philipp von Recklinghausen)

Richard Davidson beunruhigte das Publikum allerdings auch mit einer These: 2050 würde es normal sein, dass in einer Bewerbung unter „Sonstiges“ wie Fremdsprachenkenntnisse auch etwas stünde, was die „Mindfulness“ des Bewerbers nachweise. Also Meditations- oder Yogaerfahrung. Kritiker sprechen hier schon vom Leistungsdruck zur „Mindfitness“ – schließlich hat sich unter Arbeitgebern auch längst herum gesprochen, dass Yoga und Meditation die Mitarbeiter leistungsfähiger macht und die Krankheitstage reduziert. In einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft ist das ähnlich förderlich für die Produktion, wie es zu Hochzeiten der Industrialisierung auf starke, zähe Arbeiter ankam – was wiederum zur Förderung von Sport und Körperkultur Ende des 19. Jahrhundert beitrug. Da kann man Parallelen sehen. Überhaupt schließt sich hier die schwierige Frage an, ob sich Meditation funktionalisieren lasse. Schließlich ist sie absichtsloses Handeln.

Die Grenzen der Meditation sind auch dort erreicht, wo die Ich-Strukturen eines Menschen nicht ausreichend ausgebildet sind. Während der vergangenen Jahre konzentrierte sich die Wissenschaft so sehr auf die positive Wirkung der Meditation, dass die Beschäftigung mit den Gefahren geradezu tabuisiert wurde. Entsprechend dünn ist dazu die Forschungsliteratur, wie Ulrich Ott vom Bender Institute of Neuroimaging (Universität Gießen) darstellte. Nach dem Vorbild des Dark Night Projects in den USA initiierte er ein Projekt für Menschen, die auf dem spirituellen Weg in Schwierigkeiten gekommen sind. Sie haben mit Interviews mit Betroffenen begonnen, um Erfahrungen zusammenzutragen. (Betroffene können Herrn Ott anschreiben unter ott [at] bion [dot] de). Die Erkenntnisse aus dem Projekt sollen am Ende in einem anwendungsorientierten Handbuch zusammengefasst werden. Interessant ist auch der Blick auf Meditation aus dem Winkel eines Menschen, der seit 17 Jahren als Direktor einer Psychiatrischen Klinik schwere psychische Krankheiten behandelt: Der Münchner Arzt Hans Förstl beobachtet Entgrenzungsgefühle, religiöse Visionen und transzendentale Erfahrungen auch bei seinen Patienten in der „Geschlossenen“. Er kann sich in seinem, übrigens sehr unterhaltsamen, Vortrag auch nicht die Spitze verkneifen, dass der Burnout zur Modekrankheit wurde. Sehr viel mehr Menschen sind an der schweren Krankheit Schizophrenie erkrankt, allerdings fehle der Schizophrenie das soziale Ansehen. Seine Botschaft war einfach und klar: Meditation ist eine Methode, die andere Therapien und Heilmethoden hervorragend ergänze. Sie tue auch gesunden Persönlichkeiten gut, dürfe aber auf keinen Falls als hinreichendes Heilmittel bei schweren Krankheiten missverstanden werden. Muss müsse überhaupt froh und dankbar sein, dass ein gesundes Gehirn „unser inneres Chaos so wunderbar z´samm' hält“, wie er es in seinem unverkennbar bayerischen Akzent sagte. Auch sein Humor war sehr bayerisch Die Zeit raste, die Zen-Meisterin achtete streng auf die Zeit – und ließ seine Folien nur so durchflitzen. Und das, wo einige Stunden vorher Stephan Schmidt von der Universität Freiburg an die in Vergessenheit geratene Kultur der Muße erinnerte. Und während Förstl in einer längeren Serie Bilder seiner Patienten neben Darstellungen aus dem esoterischen Umfeld – die Parallelen waren sehr interessant! – sagte er mit einem Augenzwinkern: „Ich zeige jetzt nur noch Bilder, eigentlich könnte schon der nächste zum Reden anfangen...“ Großer Lacher! Einmal mehr ging es um das richtige Wie, nicht um das Was. Und um die (unwissenschaftliche) Wahrheit im Absurden.

Einen protokallischen Bericht mit allen Rednern und ihren Themen stellte der Veranstalter auf seine Internetseite. Der Kongress entließ mich mit einer Fülle an Inspirationen und Informationen. Meditation heißt unter Ärzten und Wissenschaftlern „Achtsamkeitsübung“. Achtsamkeitsbasierte Methoden wie MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) von Jon Kabbat- Zin zur Stressbewältigung haben sich längst etabliert. Und ohne Achtsamkeit ist auch Yoga nur Gymnastik. Selbst im Alltag lässt sich vieles achtsamkeitsbasiert ausführen. So kommt man auch schneller auf seine 10.000 Stunden! Ganz im Sinne eines Cartoons, mit dem Stefan Schmidt seinen Vortrag über den sinnvollen Einsatz von Meditation in der Arbeitswelt eröffnete: Es zeigt einen Mann beim Arzt, der nach der besten Meditation fragte. „Because I want to be on the cutting edge of meditation.“

tis

 

Zum Thema

Ausführliche Zusammenfassung aller Beiträge mit zusätzlichen Videointerviews auf der Internetseite des Veranstalters

Die mitveranstaltende Oberberg Stiftung setzt sich für integrale Heilkunst im Gesundheitswesen ein.

Die mitveranstaltende gemeinnützige Stiftung für Philosophie Identity Foundation von Zen-Lehrer Paul Kohtes berät Führungskräfte, wie sie Meditation nutzen können.

Bericht über den Kongress Meditation & Wissenschaft 2010 auf yogaservice.de.

Artikel zum Thema Meditation auf yogaservice.de.

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