Samkhya

Samkhya, sanskrit für „Zahl“, gilt als das älteste der sechs philosophischen Systeme (Darshans) des Hinduismus. Als Begründer gilt der Gelehrte Kabila, die ältesten Textzeugnisse sind das Katha- und der Svetasvatara-Upanisad aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Samkhya bildet die theoretische Grundlage des klassischen Yoga von Patanjali.

Die Zahl bezieht sich vermutlich auf die Methodik des Samkhya, Realität in Aufzählungen zu beschreiben: zwei Realitäten, drei Gunas, 24 Tattvas und so weiter. Patanjalis Yogasutra unterscheidet sich vom Samkhya neben buddhistischen Elementen vor allem dadurch, dass er anwendungsorientiert vorgeht: Yoga analysiert das Bewusstsein und stellt mit dem sogenannten achtgliedrigen Weg (Ashtanga) eine Methode bereit, mit der sich der Übende aus den Zwängen der irdischen Kräfte befreien kann. Die Befreiung, Kaivalya, gilt in diesem Yoga als höchstes Ziel.

Nach der Vorstellung des areligiösen, dualistischen Samkhya stehen sich zwei Realitäten gegenüber. Sie entstanden und existieren unabhändig voneinander: der geistige, passive Teil jedes Menschen, Purusha genannt, und die wandelbare Natur samt Psyche: Prakrti (sprich: prakriti). Die Kräfte entstehen durch die Begegnung der beiden Teile.

Das ähnelt christlichen Vorstellungen und westlichen Denktraditionen, wonach wir alle Einzelseelen sind – und unterscheidet sich stark vom eher religiösen, nondualistischen Vedanta, demzufolge wir alle Ausdruck ein und derselben Realität sind. Vedanta, auch ein klassischer Darshan, übt bis heute starken Einfluss auf Teile der Yogaszene aus, was für westliche Übende früher oder später verwirrend werden kann. Der Yogagelehrte Mircea Eliade schrieb im 20. Jahrhundert von der „Vedantisierung des Yoga“. Vedanta ist für den Hinduismus dagegen von Anfang das wichtigste Welterklärungsmodell. Die Brahmanen, die bestimmten, welches philosophische System zu den sechs klassischen Darshans gezählt werden dürfen, erachteten Vedanta als den höchst entwickelten.

Für einen verbindlichen Bezug zum Yoga steht die eine der anderen Weltanschauung im Weg. Die deutschen Kirchen haben beispielsweise schon gewählt: Vedanta-basierten Yoga nach Swami Sivananda oder Yoga Vidya etwa lehnen sie tendenziell ab. Hier sehen sie nicht nur einen Glaubenskonflikt mit dem Hinduismus. Vedanta-basierter Yoga ziele auf Entgrenzung, selbst wenn diese Bemühung areligiös sei und einen vergleichbaren Zustand anstrebe, den Sigmund Freud mit „ozeanischen Gefühlen“ umschrieb, weiche das von eigenen theologischen Vorstellungen ab. Dafür akzeptieren die Kirchen – zum Beispiel im Zusammenhang mit der Entwicklung des Curriculum für das IHK-Zertifkat für Yogalehrer – Samkhya-basierten Yoga als Meditationsform, die auch mit christlichen Inhalten gefüllt werden könne.

 

Zum Thema

Weiterführende Literatur:

Eckard Wolz-Gottwald, Yoga Philosophie-Atlas
Mathias Tietke, Stammbaum des Yoga
Georg Feuerstein, Die Yoga Tradition
T.K.V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation

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