Kurma Nadi

Kurma Nadi, sanskrit heißt bei Patanjali ein Punkt auf dem Brustbeins auf halber Strecke zwischen Halsgrube und Solarplexus. Er gehört zu den Punkten, die der Yogagelehrte in seinem Yogasutra Meditierenden als möglichen Fokus empfiehlt und steht für Stabilität.

„Die Versenkung auf das Brustbein bewirkt emotionale Stabilität“, lautet die Übersetzung des betrefffenden Sutra 3.31. von Sriram. Der Yogameister T.K.V. Desikachar erklärt dazu, dass viele Symptome, die durch Angst und Stress auftreten, im Brustbereich erlebt werden. Bezeichnend sei eine nach vorn eingesunkene Körperhaltung, die oft als Folge und Ausdruck eines mangelnden Selbstvertrauens auftritt.

Wörtlich bedeutet „Kurma“ Schildkröte, mit Nadi dagegen bezeichnet man eigentlich die Bahnen der Energieflüsse im Körper. Die Körperpunkte, die Patanjali als Meditationsfokus  empfiehlt, sind allerdings nicht mit den Energiezentren (Chakras) aus dem Hatha-Yoga zu verwechseln. Der Hatha-Yoga bezieht seine Anatomie aus dem Tantra. In der Yogageschichte sind die ältesten Texte dazu über 1000 Jahre jünger als das Yogasutra von Patanjali.

Zu Patanjalis körperlichen Fokuspunkten gehören Nabel, Herz, Kurma Nadi, Halsgrube und Scheitel. Sein Konzept ist so anwendungsorientiert wie es der areligiösen Yoga-Philosophie auch im Allgemeinen entspricht. Demnach genügt die stete Übung in der Ausrichtung auf einen Punkt für Halt, tiefes Wissen und geistige Befreiung: Versenkung in die Herzgegend am Solarplexus (Hrdaya) verstärkt das Wissen über Fühlen und Denken (3.34), die Versenkung in die Halsgrube, wo die Schlüsselbeine aufeinandertreffen (kantha-kupe) stillt Durst- und Hungergefühl (3.30), die auf das Nabelzentrum (nabhi-cakre) fördert die Intuition (3.29), die Konzentration auf den Scheitelpunkt (murdha) stellt die Verbindung zum Höchsten her (3.32).

Bezeichnend sind hier auch die Bilder: Die Schildkröte tritt in den indischen Mythen als Inkarnation von Gott Vishnu auf, dem Erhalter des Weltalls. Der tauchte als Schildkröte auf den Grund des kosmischen Ozeans, um diesen aufzuwühlen. Mit dieser Aktion brachte er viele Schätze zurück, darunter Amrita, den Nektar, der den Göttern ewige Jugend verleiht, und seine Gattin Lakshmi, Göttin der Schönheit und des Reichtums. Die ihm gewidmete Übung Kurmasana ist eine sitzende Vorbeuge, bei der die Beine über den gespreizten Armen liegen. Sie befreit laut Yogameister B.K.S. Iyengar von Angst und Sorgen, belebt die Wirbelsäule und beruhigt die Gehirnnerven. Man fühle sich danach wie nach einem langen, erholsamen Schlaf.

 

Literatur:

Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des Patanjali (Eine Einführung). Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar
Licht auf Yoga
, B.K.S. Iyengar
Patanjali. Die Wurzeln des Yoga,
übertragen von Bettina Bäumer
Das Yogasutra
, übertragen von R. Sriram

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