Interview: 5 Fragen an Julie Gudmestad

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Julie Gudmestad unterrichtet seit über 30 Jahren Iyengar-Yoga, ist Physiotherapeutin und leitet eine Praxis in Portland (Oregon). Vor allem aber gilt die Amerikanerin als Kapazität für Yoga-Anatomie, was sie durch ihre vielen Kolumnen im Fachblatt Yoga Journal eindrucksvoll unter Beweis stellt. Im Interview mit Yogaservice.de spricht sie über Hochleistungssport, Männer-Yoga und Krisenfestigkeit.

ys: Seit wann praktizierst du Yoga und warum hast du dich auf Iyengar-Yoga spezialisiert?

Ich begann Hatha-Yoga an der High-School zu praktizieren und startete zu unterrichten, bevor ich überhaupt hätte unterrichten dürfen. Aber ich liebte Yoga und wollte es mit anderen teilen. Viele meiner Schüler berichteten mir von persönlichen gesundheitlichen Verbesserungen wie zum Beispiel, dass sie aufgrund der Yogapraxis keine Kopfschmerzen mehr hätten. Ich entschied, Physiotherapeutin zu werden, da ich einerseits genauer wissen wollte, was für Veränderungen im Körper durch die Yogapraxis angeregt werden und andererseits, um intensiver mit Menschen eins zu eins arbeiten zu können.

Ende der 70er Jahre entdeckte ich Iyengar-Yoga und war beeindruckt von der Anordnung und Justierung des Körpers bei der Ausführung von Yogahaltungen. Als Physiotherapeutin wusste ich wie der Körper, Muskeln und Gelenke arbeiten und miteinander verbunden sind. Es machte für mich Sinn, Yogahaltungen gezielt aufzubauen und präzise auszuführen, auch um Verletzungen zu vermeiden. Zusätzlich mochte ich den Einsatz von Hilfsmitteln für Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht auf normalen Weg in die Yogaübung geführt werden können. Mit Hilfsmittel müssen sie nicht auf die Praxis verzichten  und können sich etwas Gutes tun. 

Ich konnte mich auch mit Mr. Iyengar´s Leitsatz „Der Körper ist mein Tempel, die Übungen sind meine Gebete" identifizieren. Die Yogapraxis ist für mich eine Form der Meditation und gibt mir während des Praktizierens ein Gefühl der Heiligkeit und Dankbarkeit.

ys: Du arbeitest viel mit Athleten, die Sportverletzungen haben. Wie unterscheidet sich die Praxis mit verletzten Athleten und der  Arbeit mit Schülern in deinen offenen Klassen?

Wir passen die Übungen exakt auf die Beschwerde oder Krankheit des Schülers an, um den Athleten ganzheitlich im Gesundungsprozess voranzubringen. Vor dem Start und während der Praxis beobachten wir genau, wo sich sowohl schwach entwickelte als auch zu fest entwickelte Muskulatur befindet. Die Praxis soll den Körper zurück in Balance bringen. In der Regel fragen mich die Athleten nach einer Weile, ob sie an den regulären Yogaklassen teilnehmen können. Wir bieten Yogaklassen an, die sich speziell an Athleten richten. In der Regel sind Athleten kraftvoll, aber nicht sehr flexibel. Die Athleten mögen Yoga und die Praxis in der Regel sehr gerne, sie sind treue Schüler. Einige der Athleten haben mir erzählt, dass sie nicht mehr Radfahren, Laufen oder andere Sportarten machen würden, wenn sie nicht mit Yoga begonnen hätten. Sie sind davon überzeugt, das Yoga eine wichtige Balance für den Körper und ihr Leben darstellt.

 

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ys: Ob und wie unterscheidet sich die Yogapraxis für Frauen und Männer?

Zuerst muss ich sagen, dass Verallgemeinerungen schwierig sind, es gibt immer Ausnahmen. Aber in der Regel geht es um die hormonellen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Männer tendieren dazu, schneller Kraft aufzubauen. Sie haben kräftigere Knochen und festeres Bindegewebe, sind meistens aber weniger flexibel. Im Vergleich zu Männern sind Frauen in der Regel flexibler oder können Flexibilität schneller entwickeln. Dafür tun sie sich schwerer, Kraft aufzubauen.

Aber das liebe ich so an Yoga, dass es Herausforderungen für jeden gibt. So können die stärkeren Menschen lernen, wie der Körper und die Muskulatur sich dehnt und erhalten ihre Herausforderung in Yogahaltungen, die Flexibilität erfordern. Und die eher flexiblen Menschen lernen, Kraft aufzubauen und sich oder bestimmte Bereiche zu stabilisieren, wie zum Beispiel das Zentrum („Core“). Und das gibt auch die Yogahaltungen, in dem beide Komponenten notwendig sind und zusammenkommen, um sich auszubalancieren: Flexibilität und Stärke. Zum Beispiel benötigt man für Armbalancen sowohl Kraft als auch Flexibilität. Ziel von Yoga ist es, das System, den Körper, den Geist, auszubalancieren.

ys: Kannst du uns Tipps geben, wie Yogaübungen einfach in den Alltag integrierbar sind?

Wie ermutigen unsere Studenten, ein bis drei Yogapositionen auszuwählen, mit denen sie an vier bis fünf Tagen für etwa fünf Minuten arbeiten möchten. Ich bin der Meinung, dass eine halbe bis ganze Stunde Praxis für einen eher unerfahrenen Schüler zu viel ist. Es kann dazu führen, dass sie gar nicht praktizieren. Fordert die Praxis zur viel Zeit, ist die Umstellung für sie zu groß und zu schnell. Aber fünf Minuten hat jeder. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die meisten Schüler ihre Praxiszeit selbständig erweitern, wenn sie klein anfangen. Denn sie merken, wie gut ihnen allein die fünf Minuten tun. 

Für Menschen in der westlichen Welt sind Yogahaltungen geeignet, die die Vorderseite des Körpers öffnen. Der ganze vordere Bereich (Brust, Bauch und Hüften) vieler Menschen wird im Alltags- und Berufsleben von zu eintönigen Bewegungs- und Haltungsmustern kurz und eng. Ganz simple Übungen wie etwa die Wirbelsäule auf eine zusammengerollte Decke abzulegen, helfen, das Herz, die Lungen und den Bauchbereich mit den Organen zu öffnen. Menschen, die viel sitzen, empfehle ich außerdem die Ausfallschritt-Position (Anjaneyasana|Low Lunge) und Virabhadrasana I (Krieger 1), um den Hüftbereich zu dehnen. 

ys: Welche Bedeutung hat Yoga auf mentaler und emotionaler Ebene?

Einmal fragte ich Schüler aus meinem Athleten-Kurs, was das Wichtigste sei, das sie aus der Yogapraxis erhalten hätten. (AdR: vorwiegend Radfahrer, manche praktizierten seit ein paar Monaten, manche seit ein paar Jahren).

Ich nahm an, dass sie sagen würden „mehr Flexibiliät, bessere Ausrichtung und lernen, wie man sich stretcht und so weiter“. Doch keiner von ihnen antwortete das. Sie betonten, dass ihnen Yoga die Fähigkeit gegeben hätte, sich besser konzentrieren zu können und entspannt zu bleiben, vor allem in anspruchsvollen Trainingsperioden. Das habe ich natürlich geliebt, denn es bedeutete „Meditation“! Zu lernen, sich zu fokussieren, zu entspannen und beim Atem zu bleiben – selbst, wenn sie sich in der Mitte eines bedeutenden Wettkampfs befinden.

Und das sind die Geschenke, die Yoga für uns alle offenbart. In Zeiten von großen Veränderungen kann Yoga dir helfen, weiter entspannt und fokussiert zu bleiben, gleichmäßig weiterzuatmen, egal was an Auf´s und Ab´s passiert oder wieviel Verluste du hinnehmen musst. Ich weiss nicht, ob ihr wisst, dass ich kurz hintereinander meinen Mann, meine Mutter und drei weitere nahe Familienmitglieder in den letzten fünf Jahren durch Krebs verloren habe? Ich bin nicht sicher, ob ich es ohne meine Yoga- und Pranayamapraxis überlebt hätte. Nur darüber konnte ich mich trotz der Verluste und Umbrüche in meinem Leben immer wieder verankern und stabil bleiben.

ys: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Webseite von Julie Gudmestat (mit Übersicht und Download der fast 50 Anatomie-Artikel)