Tipp: Yogameister T.K.V. Desikachar

T.K.V. Desikachar ist 75 Jahre alt geworden – ein guter Anlass, einen der einflussreichsten Yogameister des 20sten Jahrhunderts zu würdigen. Seit knapp dreißig Jahren besuchen ihn die Yogalehrer und Ärzte Imogen Dalman und Martin Soder, Gründer des Berliner Yogazentrums. Ihre Erinnerungen und wie es Desikachar derzeit geht, beschrieben sie in einem Artikel für ihr Magazin „Viveka“. Sie erlaubten uns, den Text leicht gekürzt auf yogaservice.de zu veröffentlichen.

Desikachar lehrte den Yoga schon in den Achtzigerjahren so, wie er heute in der Kultur und im Lebensgefühl der modernen Gesellschaften Europas, Australiens, Amerikas und in Asiens angekommen ist: auf geniale Art einfach, ­erklärbar und in jeder Hinsicht ­nachvollziehbar. Was das heißt, zeigt ein kleines Beispiel. Desikachar wurde öfter nach dem Sinn des berühmten Chin–Mudra gefragt. So nennt sich jene Handhaltung, die manchen so etwas wie ein ­unver­zichtbares Erkennungs­zeichen für die rechte Sitzhaltung im Yoga gilt. Daumen- und Zeigefingerspitze berühren sich und bilden so einen Kreis, die restlichen drei Finger bleiben gestreckt. ­Desikachars Antwort: Das mit dem Mudra in der Regel verbundene Konzept fließender ­Energien oder ­Symbolisierung ­sei vielleicht für einen traditio­nellen gläubigen Inder oder eine ­Inderin von Bedeutung. Nicht aber für alle anderen ­Yoga praktizierenden Menschen. Es kann allerdings helfen, die Auf­merk­samkeit zu halten: „Löst sich der Daumen von der Zeigefingerspitze, bist du nicht mehr gesammelt“. Ein Hand-Mudra bekommt so den Sinn, die Ausrichtung des Geistes zu unterstützen. Und wer mag, kann ja darüber hinaus eine Symbolik damit verbin­den, die seiner Kultur und seiner Persönlich­keit entspricht – wenn es denn der Ausrichtung des Geistes dient.

Desikachar im Interview über sein Buch „Heart of Yoga“.

Manchem mag eine solche „Entzauberung“ des Yoga, die ­Desikachar eigen war, nicht gefallen haben; uns hat sie – wie viele andere auch –  eher verzaubert und fasziniert: Wir merkten sehr bald, dass ein solcher Umgang mit Yoga es möglich macht, dass seine Konzep­te und seine Praxis immer wieder ihren Platz in einer sich ständig ­wandelnden Gesell­schaft finden. Und dass Yoga die Menschen auch weiterhin berüh­ren kann und eine zuverlässige Unterstützung wird für ihre Suche nach ­Verständnis, Wissen und Glück.

Wir wollen seinen 75sten Geburtstag zum Anlass nehmen, Desikachar zu ­würdigen, was er in seinem langen Yogaleben so vielen von uns gegeben hat und ihm dafür danken. Ihn selbst erreichen wir damit nicht mehr; Desikachar ist an ­Demenz erkrankt, in einem Prozess, der sich schon über die ­letzten Jahre ­hinweg entwickelte. Seit geraumer Zeit ist er ­deshalb auch nicht mehr in der Lage, zu unterrichten. Selbst ­diejenigen, die ihn ­zwischen 2007 und 2010 noch auf ­Seminaren erlebten, trafen auf einen Menschen, dessen ­fortschreitende ­Erkrankung immer ­deutlicher sein ­Auftreten ­bestimmte. Mittlerweile hat sie ihn seiner Lebendigkeit, ­Kreativität und Kompetenz beraubt und seine ­gleichermaßen großen wie liebenswerten Eigenschaften fest in ­seinem Inneren ­verschlossen. Das ist ein Verlust, der uns sehr ­traurig macht.


Erinnern sich zum 75sten Geburtstag ihres Lehrers: Imogen Dalman und Martin Soder © BYZ

Fast fünfzig Jahre lang hat T.K.V. Desikachar die Botschaft des Yoga aus Indien in den Westen getragen – persönlich und durch die vielen europäischen und internationalen Yogalehrenden, die bei ihm studieren durften. Eine seiner Eigenschaften stach denen, die ihn kennen lernten, fast immer gleich ins Auge: seine große Bescheidenheit. Wir begegneten ihm zum ersten Mal im Dezember 1985. Ganz neu in Indien, saßen wir zusammen mit einer Handvoll Yoga interessierter Westler auf der Veranda des Krishnamacharya Yoga Mandirams, damals noch an dem berühmten ersten Standort in der St. Marys Road in Chennai und warteten auf einen Konsultationstermin. Da wir wussten, dass „Sir“, wie sie ihn im Mandiram nannten, im Haus war, versuchten wir, ihn unter den vielen Menschen auszumachen, die unseren Platz passierten – ohne Erfolg. Als er uns dann schließlich am nächsten Tag an seinem Schreibtisch im Mandiram zu unserem Termin mit Handschlag empfing, erkannten wir ihn wieder: Er war am Tag zuvor einige Male freundlich grüßend an uns vorbeigekommen, niemand hatte ein besonders Aufhebens um ihn gemacht. Und auch jetzt nicht: Nachdem er sich über unser Anliegen und unsere Person informiert und uns unseren zukünftigen Lehrern vorgestellt hatte, schwatzte er noch ein bisschen mit uns allen. Wir spürten den Respekt, mit dem die jungen LehrerInnen ihm begegneten, aber es gab keine „Namastes“, keine Verbeugungen, nicht die in Indien so übliche unterwürfige Haltung gegenüber Gurus. Später beobachteten wir gelegentlich doch, wie Menschen, meist Inderinnen, sich vor ihm rituell niederwarfen. Wie unangenehm ihm dies war, war deutlich erkennbar; er beendete diese Situationen immer sehr schnell.

Er wollte nicht einsam auf einem Guru-Podest stehen, er suchte das Feedback, suchte die Kommunikation. Und fand sich mit diesem Selbstverständnis immer wieder in Widerspruch zu indischen Konventionen, aber auch zu den Sehnsüchten vieler seiner engeren und ferneren SchülerInnen. Das Bedürfnis nach einer Vaterfigur, nach einem allwissenden, „erleuchteten“ Guru war auch in seinem Umfeld groß, das Angehen dagegen gelang ihm nur teilweise.

Porträt von T.K.V. Desikachar auf NDTV Hindu mit Aufnahmen vom KYM.

So bescheiden wie er war, so großzügig war er - als Mensch und als Lehrer. In einem Bereich war dieser Charakterzug für seine SchülerInnen etwas delikat: Zu unserem Leidwesen setzte er niemals einen Preis für seinen Unterricht fest. Das endete damit, dass die einzelnen SchülerInnen das gaben, was sie angemessen fanden oder für den Unterricht erübrigen konnten – eine heikle Angelegenheit. Für ihn dagegen war diese Situation allem Anschein nach völlig unkompliziert. Seine Bereitschaft diese oder jenen zu unterrichten, machte er nie davon abhängig, wie viel Geld in dem Couvert war, das man ihm am Ende der Unterrichtszeit mit einem Dankeschön auf den Tisch legte.

Niemals in all den Jahren hatten wir je das Gefühl, er hielte etwas von dem Wissensschatz zurück, über den er durch seinen Vater und aus der eigenen Arbeit mit Yoga verfügte. Er schlug uns vor, die Klientenakten des Mandiram zu studieren, damit wir konkrete Fragen stellen konnten; er ließ uns bei sich sitzen, wenn er Konsultationen durchführte; alles Unklare konnten wir später mit ihm diskutieren. Er ließ uns KlientInnen des Mandiram unterrichten und half uns dabei durch unsere Schwierigkeiten hindurch. Viele Stunden begannen damals mit dem Satz: „Was braucht ihr für eure Arbeit von mir?“ Und: „Press the button“ - Drückt den Knopf! Er fühlte sich von seinem Vater ebenso wie von den Besten der indischen Lehrertradition zu dieser Offenheit in der Weitergabe von Wissen inspiriert, ja verpflichtet. In den Geschichten aus der indischen Mythologie, die er uns erzählte, wurden solche kritisiert, die ihr Wissen zurückhielten. Er sagte: „Yoga heißt teilen.“


Lehrer und Vater von Desikachar: T. Krishnamcharya. © Aus dem Film „Der atmende Gott“

Deskachar war einer der wenigen Yogatherapeuten seiner Zeit in Indien, die sich nicht mit dem Befolgen traditioneller Konzepte zufrieden gaben. Es machte ihm Freude, sein therapeutisches Handeln immer wieder zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen. Daraus ergab sich für ihn die Notwendigkeit einer intensiven und offenen Diskussion über den Wert jeder einzelnen Yogaübung, sei es ein Asana, ein Pranayama, sei es eine Meditationstechnik. Alles, was sich als hilfreich erwies, wurde benutzt. Die Inspiration dazu kam ihm bei der Beobachtung und der Kommunikation mit den Klienten. Er war ein ungeheuer scharfer und wacher Beobachter: Zeigten sich Störungen, deuteten sich darin für ihn in der jeweils besonderen Art ihres Auftretens auch immer Ideen für entsprechende Praxisvorschläge an. Geriet jemandem ein angewiesenes Asana zu einer Form, die nicht dem Bild entsprach, das man sich üblicherweise davon macht, dann war das für ihn nie ein Mangel an Können. Vielmehr begrüßte er in jeder überraschenden Art der Ausführung eines Asana die Chance, diagnostisch wertvolle Hinweise auf die besonderen Einschränkungen einer Person zu erhalten. Und daraus Ideen oder eine passende Variante für deren persönliche Praxis zu entwickeln. Und er hat uns gelehrt, nicht festen Mustern zu folgen, auch wenn sie sich vielleicht auf altehrwürdige Tradition bezogen. Und neue zu entwickeln, wenn es die Situation erforderte.

Mehr als die Tradition galt ihm immer das, was er so oft als »Common Sense« einforderte: Gesunder Menschenverstand. Wenn sich etwas nicht bewährt oder sich für etwas keine einleuchtende und nachvollziehbare Erklärung finden lässt, dann hilft auch nicht das Argument weiter, dies sei traditionell schon immer so gemacht oder gesehen worden. Diese Haltung nahm er gegenüber Asanas, Pranayamas oder Meditationen genauso wir für die Interpretation von Texten ein: Etwas ist richtig, weil es sich in der Praxis auch bei kritischem Blick bewährt hat und weil es auch dann Sinn macht, wenn wir unseren gesunden Menschenverstand benutzen.

So verwundert es auch nicht, dass ihn vor allem zwei persönliche Prinzipien in seiner Tätigkeit als Yogalehrer leiteten; in einem Seminar in den USA, zu dem er seine langjährigen SchülerInnen eingeladen hatte, machte er sie einmal in eindrücklicher Weise zum Thema:

Erstens: Ich muss auf mein Gegenüber meditieren. „I have to meditate on the person in front of me“. Und zweitens: „I am a fool“: Ich bin ein „Tor, ein Dummkopf“. In anderen Worten: Ich kann mich irren. Er nannte sie scherzhaft seine „Mantras“. Durch sie hat er uns das gelehrt, was wir als eine zentrale, eine Herzensbotschaft des Yogaunterrichtens verstehen: Als YogalehrerndeR musst du dich auf dein Gegenüber in einer ähnlichen Weise einlassen, wie es eine Meditation von dir verlangt. Also mit ungeteilter Aufmerksamkeit, zugewandt, offen, ohne Vor-Urteil. Im Zentrum deines Denkens, Fühlens und Handelns im Yogaunterrichten steht der Mensch, die konkrete Person vor Dir. Nichts anderes.

Die zweite Botschaft ist nicht weniger bedeutsam: Auch das sicherste Gefühl bei einer Einschätzung eines Menschen, beim Entwickeln eines Praxisvorschlags kann nicht verhindern, dass du dich dabei irren kannst. „I am a fool“ ist Ausdruck nüchterner Selbsterkenntnis. Sie hält immer wieder dazu an, neu zu beginnen, neu zu hinterfragen, neu zu schauen, nichts für gewiss zu nehmen. Und Fehler sind da, damit man daraus lernt. Gleichzeitig lehrt die Botschaft „I am a fool“ Selbstakzeptanz, gerade auch wenn sie schwierig ist.

Desikachar lässt 1986 seinen Schüler Larry Paine Yogaübungen vorstellen, die er für Fußballer entwickelt hat.
Seinen kurzen Auftritt kündigt die Gründungspräsidentin der Organisation Viniyoga America.
Larry Paine gründete die ersten Yogaklinik von Los Angeles.

Geduld war eigentlich nicht ­Desikachars persönliche Stärke. Im Alltag musste alles sehr schnell und effektiv abgewickelt werden. In der Rolle des Yogalehrenden, des Yogatherapeuten jedoch konnte er abwarten. Als wir ihn noch nicht so gut kannten, war das manches Mal recht irritierend für uns. Wir konnten ihm Minuten lang schweigend gegenüber sitzen. Er wartete darauf, dass wir ihm sagten, was wir wollten, wartete, ob wir Fragen hätten. Es dauerte ein wenig, bis wir verstanden hatten, dass dieses Abwarten Ausdruck eines echten Interesses an uns war. Er signalisierte uns so, dass dies unsere Zeit bei ihm war – nicht umgekehrt; dass wir in diesem Moment die Hauptpersonen waren, nicht er; dass wichtige Fragen ihre Zeit brauchen.

Desikachar diskutierte gerne und intensiv. Viele Stunden unseres Unterrichts bei ihm verbrachten wir damit, ihm unsere Arbeit in Berlin darzustellen. Wir erörterten unsere Versuche, neue Wege, neue Strukturen der Präsentation von Yoga oder dem Umgang mit Yogatherapie zu finden; alles Dinge, die sich aus unserer Arbeit ergeben hatten. Manches davon hielt in diesen Diskussionen seinen kritischen Einwänden nicht stand und verschwand wieder aus unserem Repertoire.

In den letzten Jahren legte er uns einen Buchtitel ans Herz (obwohl er vorher Imogen und Martin vorher zum Magazin „Viveka“ riet – in  einem Magazin könne man Dinge weiterentwickeln, Anm. d. Red). Er hatte auch schon eine Idee für den Titel: „Yoga revisited“, also etwa: Yoga „überarbeitet“ oder „neu betrachtet“. Seine Vorstellung vom Inhalt: Yoga als ein lebbarer und lebendiger Weg braucht immer neue Impulse. Man muss sich von alten Zöpfen trennen und Erfahrungen und neue Erkenntnisse aufnehmen. Es ist ein unvollendetes Projekt geblieben.

Seine Beispiele waren aus dem täglichen Leben gegriffen, die Art und Weise der Argumentation einfach und eindringlich. In seinen Vorträgen ging es nicht um Hehres und Heiliges; Spiritualität sei im Leben zu Hause, antwortete er einmal auf die Frage, warum er dieses Thema nicht besonders bespräche. Viele Menschen sprach jedoch genau diese Art der Vermittlung von Yoga an. Seine Lesungen waren immer so tief und ernsthaft wie einfach und humorvoll. Er hat es geschafft, die Kluft zwischen der alten Tradition des Yoga und unserer modernen westlichen Kultur zu überbrücken.

Desikachar mag nicht mehr unmittelbar zu hören oder zu sehen sein. Was aber bleibt, sind fast fünfzig Jahre befruchtender, berührender, inspirierender und für viele Menschen prägender Begegnungen, die sehr viel dazu beigetragen haben, den Yoga in der heutigen Zeit ankommen zu lassen. Hierfür und für alles, was er uns über fast drei Dekaden hinweg gegeben hat, sind wir ihm unendlich dankbar.

Imogen Dalmann, Martin Soder

 

Leslie Kaminoff erinnert sich an seinen Lehrer T.K.V. Desikachar.

Artikelfoto: T.K.V. Desikachar wohnt neben Menaka Desikachar der Zeremonie zu Ehren seines 75sten Geburtstages im von ihm neu gegründeten „Sannidhi of Krishnamacharya Yoga“ (SKY Yoga, Chennai) bei. © Sannidhi of Krishnamacharya Yoga (SKY Yoga)


Zum Thema

Zu den Standardwerken von Desikachar ist sein Yogasutra-Kommentar „Über Freiheit und Meditation“ und „Heart of Yoga“, in der deutschen Ausgabe: Yoga – Tradition und Erfahrung. Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patanjali. Beide deutschen Ausgaben wurden von Imogen Dalman und Martin Soder herausgegeben.

Mehr zum Krishnamacharya Yoga Mandiram (KYM), das Desikachar ursprünglich gründete.

Internetseite von Sky Yoga, dem neuen Yogazentrum von T.K.V. Desikachar. Für diese Organisation unterrichtet noch  seine Frau Menaka Desikachar.

Infos und Kontakt zum Berliner Yogazentrum (BYZ)

Der Beitrag erschien der aktuellen Ausgabe der „Viveka“ (Nr. 51). Das Magazin erscheint zwei Mal jährilich. Herausgeber ist das BYZ.

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