Abhinivesha

Abhinivesha, sanskrit, zusammengesetzt aus abhi für „Bewegung zu etwas hin“, ni für „nahe“ und vesha für „Leben“ bedeutet Hang zum Leben, Lebensdurst oder Liebe (zu weltlichen Dingen). Viele Übersetzungen legen das Gewicht auf den Hang zum Festhalten. Daraus folgt die Furcht, dass der Tod uns dieses Geliebte entreißt. Abhinivesha wird deshalb auch vielfach mit Todesangst oder „tiefsitzender Unsicherheit“ übersetzt.

In der Yogaphilosphie des Gelehrten Patanjali gehört Abhinivesha neben Avidia (Unwissenheit), Asmita (Selbstbezogenheit), Raga (Sucht, Leidenschaft) und Dvesha (Abneigung) zu den fünf Kleshas. Diese liegen in der Natur des Menschen und sorgen für jene innere Unruhe, die Leid (Duhkha) schafft. Ihre Wirkung in Zaum zu halten, ist deshalb Sinn und Zweck eines yogischen Lebenswandels. R. Sriram erklärt den Abhinivesha betreffenden Leitsatz 2.9. bei Patanjali so: „Angst kann ohne konkrete Grundlage gedeihen, sie bewegt sogar Menschen, die zahlreiche Erkenntnisse über das Leben gewonnen haben.“ Umstritten ist allerdings, welcher Umgang damit der richtige ist. Der Yogaautor Mathias Tietke kritisiert Interpretationen, die Abhinivesha als Aufforderung verstehen, sich vom Leben zurückzuziehen und Gleichgültigkeit gegenüber dessen hässliche wie schöne Seiten zu befürworten. R. Sriram und T.K.V. Desikachar dagegen empfehlen, uns mit der Tatsache abzufinden, dass wir mit allen Lebewesen das Schicksal teilen, eines Tages sterben zu müssen. Gerade deshalb sollten wir nicht allzu ängstlich durchs Leben gehen.

 

Literatur:

B.K.S. Iyengar, Licht auf Yoga

Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des Patanjali (Eine Einführung). Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar

„Patanjali – Das Yogasutra“, R. Sriram

 „Patanjali, Die Wurzeln des Yoga“, P.Y. Deshpande / Bettina Bäumer

Mathias Tietke, „Yoga kontrovers“, Phänomen Verlag (erscheint November 2013)